Erfahrungsbericht von Dr. med. univ. Deniz Tafrali

Warum Gewissenhaftigkeit für angehende Mediziner enorm wichtig ist

Während des ersten Monats meiner Assistenzarztstelle in der Neurologie machte ich eine Fülle an Erfahrungen.

Eine davon war besonders lehrreich wie tragisch – es war die Geschichte einer jungen Patientin mit Hirnstamminfarkt.

Als Hirnstamminfarkt bezeichnet man einen Schlaganfall im Bereich des Hirnstamms (Medulla oblongata, Pons, Mittelhirn), der durch Verschluss einer versorgenden Arterie bedingt ist.

Es war meine zweite Woche im Universitätsklinikum für Neurologie. Der Tag ging wie üblich mit einer morgendlichen Besprechung im großen Hörsaal los. Neben den alltäglichen Schlaganfällen, Schädeltraumen und Fällen von Multipler Sklerose, stellte der diensthabende Radiologe einen Fall einer 32 Jahre alten Patientin vor, die sich über das Wochenende mit einer halbseitigen Lähmungssymptomatik sowie Sprachstörungen gezeigt hatte. Als er das Angiogramm auf die große Leinwand projizierte, ging ein leises Raunen durch den Hörsaal, denn wir erkannten alle die Tragweite der Erkrankung dieser jungen Frau: Sie hatte einen Schlaganfall in dem Teil des Gehirns, das die elementarsten Funktionen des Lebens übernimmt: dem Hirnstamm. Nach kurzem Mitgefühl für dieses traurige Schicksal machten wir aber weiter mit der Besprechung und gingen dann alle anschließend an die Arbeit.

Diese war stets entspannt, wir waren auf Station gut befreundet und hatten eine sehr liebe Oberärztin die sich darüber hinaus exzellent in ihrem Fach auskannte. Die erwähnte Oberärztin wies uns unter anderem auch jeden Tag neue Patienten zu. Unsere Station war spezialisiert auf entzündliche Hirnerkrankungen wie Multiple Sklerose oder Meningitiden wie Neuroborreliose und -syphilis, jedoch hatten wir auch allgemeinneurologische Patienten.

Eine solche Patientin wies Makbule (unsere Oberärztin) dem Neuen (mir, Deniz) an diesem Tag zu. Wie es der Zufall so will, war es Frau Müller mit dem Hirnstamminfarkt (Name aufgrund ärztlicher Schweigepflicht verändert). Natürlich war ich aufgeregt und sehr gespannt, wie sich die Patientin präsentieren wird und ob wir ihr helfen können. Ich arbeitete mich in ihre Akte ein und bereitete die Visite vor. Als Makbule die Visite dann um 10:30 Uhr startete, war die erste Patientin Frau Müller.

Wir gingen in das Zimmer und zu unserer Überraschung fanden wir eine lächelnde, sympathische Frau vor, die zwar ihre rechte Körperhälfte nicht bewegen konnte, jedoch ihre Lebensfreude überhaupt nicht verloren zu haben schien. Sie war sehr optimistisch, dass sie wieder gesund werden wird. Das motivierte mich natürlich und ich gab mein Bestes, um Frau Müller wieder gesund zu machen.

In den zwei Wochen, in denen sie bei uns war schaffte Frau Müller es auch tatsächlich von einer beinahe vollständigen Lähmung beginnend, ihren Arm sauber zu bewegen und bereits zu versuchen, das Bein zu heben. Das mag zwar nach wenig klingen, aber ist bei Schlaganfallpatienten eine enorme Entwicklung innerhalb von zwei Wochen. Um diesen Aufschwung aufrechtzuerhalten ist eine strikte Rehabilitation enorm wichtig – und am besten, wenn sie sofort passiert und in unmittelbarer Nähe von Spezialisten. Da unser Klinikum auch eine Rehaklinik ist, lag es natürlich Nahe, dass wir sie auf unsere Reha-Station überweisen. Das Problem: Die Reha-Station ist maßlos überfüllt. Ich ließ mich davon aber nicht abhalten. Nach dem Vorbild des römischen Senator Marcus Porcius Cato bestand ich darauf, dass Karthago zerstört werden müsse.

Und wie? Ich nervte die Sozialarbeiter, ärztlichen Kollegen und Krankenschwestern der Reha-Station bei jeder Besprechung nach meiner Übergabe der Patienten mit folgenden Satz: „Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Frau Müller bei uns auf die Reha-Station überwiesen werden sollte.

Marcus Porcius Cato war im zweiten Jahrhundert vor Christus ein römischer Senator. Sein Name wurde bekannt durch seine Anstrengung, den römischen Senat zu überzeugen, die Stadt Karthago im heutigen Marokko zu zerstören. Hierzu benutze er ein klassisches rhetorisches Stilmittel: Die Wiederholung. Nach jeder seiner Reden, egal wie alltäglich oder thematisch unpassend sie war, hängte er den Satz „Ceterum censeo Carthaginem esse delendam“ an, zu Deutsch ungefähr: „Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Karthago zerstört werden muss“. In Catos letztem Lebensjahr kam es dann tatsächlich zum dritten punischen Krieg und Karthago wurde vollständig zerstört.

Meine Mühen machten sich bezahlt und für Frau Müller wurden tatsächlich Anstrengungen gemacht, um sie bei uns in die Reha aufzunehmen. Sie war auf dem richtigen Weg zur Genesung und konnte mittlerweile sogar ihr Bein heben. Ich machte den Arztbrief fertig und Frau Müller wurde auf die Reha überwiesen.

Dann passierte etwas, das niemand vorhersehen konnte. Da ich frisch aus dem Studium kam und ein guter Student war, schrieb ich in meine Arztbriefe vorsichtshalber immer alles detailliert rein. So auch die Antikoagulation (Blutverdünnung) von Frau Müller. Das ist ein bisschen redundant, denn diese Medikation ist absolute Routine bei Patienten, die nicht aus dem Bett aufstehen können, insbesondere bei solchen mit Lähmungen. Das weiß jeder, der Medizin studiert hat. Deshalb korrigierte unsere Stationsärztin auch meinen Arztbrief und sagte mir, ich solle doch die Blutgerinnung rausnehmen, das wäre nicht üblich bei uns im Klinikum – was ich dann auch tat.

Eine Woche später erhielten wir einen aggressiven Anruf der leitenden Oberärztin der Reha-Klinik – Frau Müller hatte eine Lungenembolie, eine oft tödliche Erkrankung.

Warum? Ihre Assistenzärzte gaben ihr keine Blutverdünnung – weil diese Information nicht im Arztbrief stand.

Ein tragisches Schicksal, das mit ein bisschen Gewissenhaftigkeit hätte vermieden werden können. 

Was lernen wir daraus? Wenn ihr Mediziner werden wollt, lernt von Anfang an gewissenhaft, detailliert und vorsorglich – schon jetzt. So vermeidet ihr durch euer Handeln tragische Schicksale wie die von Frau Müller.

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