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Das soziale Leben neben dem Medizinstudium – eine Illusion?

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Der Mythos, dass ab dem Beginn des Medizinstudiums bis zum Ende der Arztkarriere kein Privatleben mehr möglich ist, hält sich seit Jahrzehnten hartnäckig. Noch bevor man überhaupt den MedAT gemeistert hat, muss man sich mit Fragen zu Themen, die eigentlich in ferner Zukunft liegen, herumschlagen:

„Wie willst du neben dem vielen Lernen noch Zeit für Familie, Freunde und Partner haben?“ oder „Kann man überhaupt ein guter Arzt werden, wenn man nicht jede freie Minute zum Lernen nutzt?“ 

Dass das Medizinstudium ein Vollzeitjob ist, ist durchaus richtig. Neben vielen Seminaren und Praktika, bei denen eine 100%ige Anwesenheitspflicht besteht, mündlichen und schriftlichen Prüfungen sowie der tiefergreifenden Wissensaneignung von individuellen Interessen, ist es oft schwierig, die eigene Freizeit nicht zu vernachlässigen. Realistisch betrachtet ist mit ein wenig Planung und Tagesstruktur aber sicherlich die meiste Zeit des Jahres alles gut unter einen Hut zu bekommen. Je nach Curriculum und Studienort sind die Zeiten, in denen man viel zusätzliche Zeit zur Verfügung hat, sehr unterschiedlich.

Was alle medizinischen Universitäten in Österreich gemeinsam haben, ist jedoch, dass lernaufwendige und entspanntere Phasen das ganze Jahr über stark variieren und auch die einzelnen Abschnitte in ihrer Intensität kaum zu vergleichen sind. Meist sind die ersten zwei Semester die entspanntesten, obwohl es natürlich auch danach noch das eine oder andere Semester gibt, in dem man sich schon aktiv eine Beschäftigung suchen muss, und was mich betrifft, das Lernen regelrecht vermisst. Das erste Jahr ist allerdings eben auch von den Universitäten selbst so gestaltet, dass man Zeit hat, um sich einzufinden. Die Grundlagen werden gelernt, die ersten größeren Prüfungen absolviert. Abgesehen davon hat man aber auch jede Menge Zeit, um die neuen Studien-Bekanntschaften bei Besuchen von so mancher Lokalität näher kennenzulernen.  

Für mich persönlich waren das dritte und das vierte Semester an der MedUni Wien bisher die stressigsten. Man hat gerade ein entspanntes erstes Jahr hinter sich und steht plötzlich vor einer Woche mit täglichen Pharmakologie-Seminaren, zu denen sich die Horrorgeschichten geradezu überschlagen. Und hat man die wochenlange nervenzehrende Vorbereitung und die täglichen mündlichen Prüfungen endlich überstanden und will gerade wieder von den Koffeintabletten loskommen, steht schon der Sezierkurs zusätzlich zu unzähligen Seminaren vor der Tür. Es gibt aber eben auch Phasen, in denen man wochenlang so gut wie nichts zu tun hat und das Studentenleben in vollen Zügen auskosten kann. Der große Vorteil an Zugangsbeschränkungen ist nämlich der, dass die Universitäten danach kein Interesse mehr haben, die Studierenden reihenweise durchfliegen zu lassen. Gerade im Medizinstudium bekommt man viele Chancen und läuft eigentlich kaum Gefahr, wirklich ein Jahr wiederholen zu müssen. Der Stress, den viele zukünftige Ärztinnen und Ärzte haben, sei er extrinsischen oder intrinsischen Ursprungs, ist also in den meisten Fällen eigentlich obsolet. 

Was du schnell merken wirst, egal für welchen Studiengang du dich entscheidest, ist die Bedeutsamkeit des Schaffens eines Ausgleichs zur Uni. Die Motivation, die man vor allem in den ersten Semestern verspürt und die einen gerne dazu verleiten, sich voll ins Lernen zu stürzen, lässt irgendwann nach. Das ist aber keineswegs schlecht, sondern ein gesunder Prozess und ein Mechanismus deiner Psyche, der dich vor Überlastung zu schützt. Deshalb solltest du die Freizeit, die dir zur Verfügung steht, vor allem nach Prüfungsphasen und am Ende des Semesters, wirklich dazu nutzen, um deine sozialen Kontakte zu pflegen oder deinen Hobbies nachzugehen. Zwar ist es löblich, sich nach abgeschlossener Lernphase gleich ins nächste Thema zu vertiefen, es ist jedoch auf lange Zeit betrachtet, nicht unbedingt förderlich für deine psychische und physische Gesundheit. 

Rückblickend vergeht das Studium wie alles im Leben viel zu schnell. Dass sechs Jahre Uni auch irgendwann vorbei sein können, mag man zu Beginn erst einmal gar nicht glauben. Was ich in den letzten fünf Jahren aber gelernt habe, ist, dass man sich wegen Prüfungen und Co. viel zu viel von der bekanntlich schönsten Zeit im Leben nehmen lässt. Studenten, die ihr gesamtes Privatleben opfern, um möglichst gute Noten zu ergattern, gibt es überall. Ich habe aber gelernt, mich davon nicht mehr stressen zu lassen. Es ist nun einmal keine Schande, die ein oder andere Prüfung nicht sofort zu bestehen. Manchmal lässt uns das Leben nicht genügend Zeit für die Uni übrig. Was natürlich nicht heißt, dass das Studium nicht grundsätzlich Priorität haben sollte. Aber, unser Bestes zu geben und mit Struktur und Motivation vorzugehen ohne unser eigenes Wohlbefinden dabei völlig außer Acht zu lassen, ist in aller Regel wirklich ausreichend. 

Es ist daher nicht nur möglich, neben einem Vollzeitstudium, wie der Humanmedizin, ein zufriedenstellendes Sozialleben zu führen, sondern sogar wichtig, um zwischen stressigen Lernphasen auf andere Gedanken zu kommen und wieder neue Kraft für die nächste Herausforderung zu schöpfen. 

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